
Die Ninja Turtles neu gedacht – jetzt mit mehr Schlagkraft So hauchte der Regisseur John Likens einem Klassiker mit einer düsteren Neuinterpretation neues Leben ein.
Projektablauf und Ergebnis
Regisseur und Motion Designer John Likens verwirklichte seine Vision einer düsteren Neuinterpretation der Teenage Mutant Ninja Turtles im zweiminütigen Clip „Raphael: Test Footage“. Der Clip dient als Proof of Concept für ein potenziell größeres Projekt. Dafür nutzte er Cinema 4D als zentrale Plattform und kombinierte sorgfältiges Charakterdesign mit ultrarealistischem Martial-Arts-Motion-Capture.
Mit seiner Kombination aus technischem Können und künstlerischer Vision hat sich der Emmy-prämierte Regisseur und Motion Designer John Likens einen ausgezeichneten Ruf in der TV-, Film- und Werbebranche erarbeitet. Seine Karriere erstreckt sich über mehr als ein Jahrzehnt. Zu seinen jüngeren Arbeiten zählen Filme wie „Deadpool & Wolverine“ und „Eternals“ sowie Serien wie „Your Friends and Neighbors“, „SEE“ und „Warrior“.
Derzeit ist Likens Executive Creative Director im Visual-Effects-Studio Framestore und findet dennoch die Zeit und Energie, seinen Herzensprojekten nachzugehen. Kürzlich veröffentlichte er Testaufnahmen zu einer Idee, die ihn bereits seit seiner Kindheit begleitet: eine düstere, realistische Interpretation der Teenage Mutant Ninja Turtles, mit denen er aufgewachsen ist. Mit einer Laufzeit von knapp unter zwei Minuten sorgte „Raphael: Test Footage“ mit seiner einzigartigen Vision und Umsetzung für großes Aufsehen, insbesondere durch die präzise choreografierten Kampfszenen mit dem beliebten, temperamentvollen Raphael.
Wir haben mit Likens über „Raphael: Test Footage“ gesprochen und darüber, wie er und sein Team einer lang geliebten Comicreihe einen neuen Twist verliehen haben.

Was hat dich zu dieser düsteren Neuinterpretation der Teenage Mutant Ninja Turtles inspiriert?
Likens: Ich bin ein Kind der 90er. Solange ich denken kann, war ich regelrecht besessen von den Teenage Mutant Ninja Turtles. Besonders begeistert war ich vom ersten Realfilm von 1990, in dem die Turtles zu sehen waren, entworfen von Jim Hensons Creature Shop. Im Laufe der Jahre wurden die Turtles auf vielfältige und interessante Weise neu gestaltet und neu aufgelegt. Für mich bleibt Hensons Version jedoch bis heute das ikonischste Design der vier Turtles. Ich erinnere mich, dass ich mir immer gewünscht habe, sie würden in diesen Filmen viel mehr machen – besonders, wenn es um Martial Arts und Kampfszenen ging.
Schon lange ist es mein Ziel, einen offiziellen TMNT-Film oder eine TV-Serie zu realisieren. Mit meiner Reihe von Testaufnahmen arbeite ich auf einen Proof of Concept hin – einen Einblick in eine düstere Seite des TMNT-Universums. Genau so habe ich mir die TMNT immer auf der großen Leinwand vorgestellt. Dabei möchte ich den beliebten Wurzeln von TMNT treu bleiben und das Franchise gleichzeitig weiterentwickeln: Es soll mitreißend, dramatisch und vor allem verdammt unterhaltsam sein.
Außerdem inspirieren mich die Entwicklungen im Bereich der Erwachsenenanimation der vergangenen Jahre sehr. Der jüngste Erfolg von Serien wie „Arcane“ und „Love, Death & Robots“ (Netflix) und „Secret Level“ (Amazon) zeigt, dass das Publikum großes Interesse an Geschichten hat, die auf diese Weise erzählt werden.

Welchen neuen gestalterischen Ansatz hast du für die Figuren gewählt?
Likens: Da ich ein großer Fan von Jim Hensons Interpretation der Turtles bin, orientieren sich meine Designs stark an seiner Arbeit. Natürlich habe ich meine eigenen Details eingearbeitet, inspiriert von neueren IDW-Comic-Varianten der Turtles. Dazu gehören Details wie Bandagen an Armen und Beinen sowie zahlreiche Kampfspuren auf den Panzern und Narben auf der Haut.
Erzähl uns von deinem Prozess.
Likens: Der Prozess begann mit dem Schreiben. Ich schreibe meine Ideen oft erst einmal auf, um herauszufinden, ob sie kreatives Potenzial haben und es sich lohnt, sie weiterzuverfolgen. Bei Raphael wusste ich, dass ich etwas machen wollte, das in den Abwasserkanälen oder Tunnelsystemen von New York spielt. In meinem Entwurf ging es darum, wie er in der U-Bahn gejagt wird und nach einem brutalen Kampf seinen letzten Gegner vor einen fahrenden Zug wirft.
Ich schrieb einige Kampfmomente auf, die für Raphael typisch sind und die ich unbedingt in den Kampfszenen sehen wollte. Danach hat mir der Kampfchoreograf James Newman geholfen, die Kampfszene zu gestalten. Es gelang ihm, all die Momente, die mir wichtig waren, aufzugreifen und sie mithilfe von Martial Arts, Bewegung und einem natürlichen Flow zu verbinden. Danach hatten wir eine zweitägige Motion-Capture-Session in Atlanta mit einem großartigen Stunt-Team.

Ich habe viele verschiedene Programme verwendet, um zum Endergebnis zu gelangen. Ich habe alle Figuren in Maya geriggt, die Kameraanimation in Blender erstellt, die Stoffsimulation in Marvelous Designer umgesetzt, die Figuren in ZBrush, gesculptet. Anschließend habe ich in Octane gerendert, das Compositing in After Effects umgesetzt, die Aufnahmen in Nuke finalisiert und schließlich in Adobe Premiere geschnitten. Cinema 4D war dabei die zentrale Plattform, in der alle Arbeitsschritte zusammenliefen. Ich arbeite seit 2008 mit Cinema 4D, daher fühle ich mich mit meiner 3D-Arbeit dort am wohlsten.
Nachdem ich die endgültige Animation und den Schnitt fertiggestellt hatte, hatte ich das Glück, für Musik und Sounddesign mit dem Ausnahmetalent Gavin Little von Echolab zusammenzuarbeiten. Ich kenne und schätze seine erstklassige Arbeit im Bereich Sounddesign schon seit vielen Jahren und hatte sogar die Gelegenheit, ihn für andere Werbeprojekte zu engagieren. Es war das erste Mal, dass er das Sounddesign für eine komplett filmische Kampfszene übernahm, und ich könnte mit dem Ergebnis kaum zufriedener sein. Sound macht locker 50 % der Zuschauererfahrung aus.

Wie unterscheidet sich ein Projekt wie dieses von den Serien, an denen du bisher gearbeitet hast, bei denen die Drehbücher bereits abgeschlossen sind und die Dreharbeiten in manchen Fällen schon beendet wurden?
Likens: Es ist völlig anders. Fast alle meine Film- und TV-Projekte entstanden im Rahmen größerer Film- oder Serienproduktionen – und für einen anderen Regisseur oder Showrunner. Ich hatte das Privileg, mit beeindruckenden Autoren und Regisseuren sowie Filmemachern wie Chloe Zhao, Steven Zaillian, Scott Frank, Jonathan Tropper und Shawn Levy zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen. Mein Ziel ist es, irgendwann selbst diese Rolle als Regisseur und Serien-Creator zu übernehmen. Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, diesen Pitch zu entwickeln, Storylines zu schreiben, mit Kampfchoreografen und Stunt-Teams, Sounddesignern und Musikern zusammenzuarbeiten und mir auszumalen, wodurch sich meine Interpretation der TMNT von allen bisherigen Versionen abheben kann.

Was waren die größten Herausforderungen bei diesem Projekts?
Likens: Die gesamte 3D-Animation, das Rigging, die VFX, das Compositing und den Schnitt alleine zu übernehmen, war eine enorme Menge Arbeit. Die größte Herausforderung zu benennen, fällt mir schwer. Wahrscheinlich war es die Verwaltung und Feinabstimmung der gesamten Mocap-Daten sowie der Vielzahl an Charakter-Assets. Auch die Beleuchtung der Sequenz stellte sich als schwieriger Prozess heraus. Mir war wichtig, dass das Licht im Tunnel gleichzeitig glaubwürdig und stilisiert wirkt. Die Beleuchtung eines so geschlossenen Raums umzusetzen, war eine echte kreative Herausforderung. Ich glaube, ich habe jede Einstellung der Sequenz bestimmt achtmal neu ausgeleuchtet, bis ich mit dem finalen Look zufrieden war.
Wichtige Erkenntnisse
John Likens ist ein mit dem Emmy ausgezeichneter Motion Designer und Regisseur.
Für seinen Kurzfilm „Raphael: Test Footage“ nutzte er Cinema 4D als zentrale Plattform, um der Teenage Mutant Ninja Turtles-Franchise eine düstere, frische Neuinterpretation zu verleihen.
Der Kurzfilm verbindet 3D-Animation, Kampfchoreografie, Motion Capture und erstklassiges Sounddesign.
Adam Moerder ist Senior Writer bei Maxon.