Entfaltete Ökonomie image

Entfaltete Ökonomie Mit dem Ziel, Englands wiedererwachende Wirtschaftskraft darzustellen, gestaltete Designerin Sophia Kyriacou eine boomende Stadt aus Papier. Natürlich mit Cinema 4D!

Da die lange angeschlagene Ökonomie Großbritanniens in den letzten Monaten erste Zeichen einer Erholung zeigt, wollte die BBC-Einheit für Wirtschaftsnachrichten einen kurzen Ident-Trailer für entsprechende Meldungen in den regulären Nachrichten. Der Auftrag zu diesem Clip fiel an Sophia Kyriacou, die seit 1997 als Broadcast-Designerin arbeitet, zunächst für die European Business News, ab 1998 dann für die BBC in London.

Das Briefing lautete, das Nachrichtensegment 'UK Economic Recovery' mit einer Animation zu illustrieren, die visuell die Erholung und das Wiedererstarken der britischen Ökonomie darstellen sollte. Sophia modellierte und animierte dazu eine Stadt aus Papier, die sich mit dem Wandel eines kalten Morgens zu einem warmen Tag buchstäblich neu entfaltet und immer attraktiver wird. Ein einfaches Konzept, das mit visuellen Mitteln die gestellte Aufgabe effektiv und ästhetisch anspruchsvoll umsetzte.

„In diesem Clip sollten die vielen verschiedenen Schlüsselelemente der britischen Ökonomie wie Immobilien, Handel und Stadtentwicklung und deren sukzessive Regeneration dargestellt werden“, sagt Sophia.

Sie erklärt auch, dass das Konzept für den Spot durch Papiergeld inspiriert wurde. „Die Objekte entstehen individuell und einfach dadurch, dass sie sich entfalten. Sie werden langsam wieder von Energie und Leben erfüllt. Außerdem nimmt sich der Spot auch nicht zu ernsthaft aus und signalisiert nach der gedämpften Stimmung der Rezession wieder ein wachsendes Gefühl der Lebensfreude.“

Bei der Gestaltung des Clips hatte Sophia zu berücksichtigen, dass das Video auch für eine kontinuierliche Wiederholung über einen langen Zeitraum geeignet sein musste. Außerdem musste die Animation sich in das Branding der BBC-News einbetten und mit bestehender Typographie und Farbschema konform gehen. Und das alles in einem extremen Widescreen-Format (5760x1080), da der Clip im Nachrichtenstudio über drei Bildschirme verteilt gezeigt werden sollte.

Um den Effekt des Entfaltens zu kreieren, setzte Sophia Cinema 4Ds Stoffsimulation ein. Wendet man das Cloth Tag auf ein Mesh-Objekt an, wird die Struktur flexibel wie Stoff und kann unter den richtigen Bedingungen dazu gebracht werden, in sich zusammen zu fallen.

Alle Objekte waren als Low-Poly-Meshes angelegt, die Sophia mit dem Messer-Werkzeug in zufällig anmutende Segmente zerlegte. „Um für das Entfalten den richtigen Look zu erzielen, habe ich die gesamte Geometrie trianguliert und den Detailgrad bewusst niedrig gehalten. Die voreingestellten Winkelparameter für das Phong Shading habe ich auf Null gestellt, um überall die Anmutung harter Kanten zu erzielen“, ergänzt Sophia.

„Sobald erkennbar war, dass die Struktur den gewünschten Eindruck gefalteten Papiers vermittelte, beließ ich es bei den Einstellungen und wendete das Cloth Tag auf das Objekt an“, erklärt Sophia. „Als Boden für die Simulation verwendete ich ein Scheiben-Objekt und begann dann mit den Parametern für die Stoffsimulation und die Schwerkraft zu arbeiten, bis ich die Bewegung in der Animation hatte, die mir vorschwebte.“

Natürlich waren die erzielten Resultate nicht immer das, was sich Sophia vorgestellt hat. „Es gab immer wieder lustige Aha-Momente, in denen die Simulation alles andere tat, nur nicht das was ich wollte", erinnert sich Sophia. „So fielen die Objekte manchmal nicht in sich zusammen, sondern sackten zur Seite und sahen aus wie halb aufgeblasene Hüpfburgen. Mit den falschen Einstellungen bei der Gravitation gab es dann Einstürze, die wie in Zeitlupe abliefen oder gar Objekte, die einfach so wegflogen.“

Wenn die Animation eines Objektes gelungen war, wurde die Sequenz auf Harddisk gespeichert. Allerdings brauchte Sophia Animationen mit Keyframes, die sie weiter bearbeiten konnte. Dazu verwendete sie Cinema 4Ds Cappucino-Tool, das es ermöglicht, Animationen wie ein Puppenspieler in Echtzeit mit der Maus zu steuern und diese dann als Keyframes aufzuzeichnen.

„Bis dahin hatte ich Cappucino noch nie angewendet“, bekennt Sophia, „aber als ich es dann bei diesem Projekt einsetzte, erwies es sich als extrem hilfreich". Die so entstandenen Animationen verfügten über Keyframes, mit denen Sophia alles tun konnte was benötigt wurde. Auch, den Clip rückwärts ablaufen zu lassen, so dass es aussah, als würden die Objekte sich entfalten.

Da es sich ja um viele verschiedene Objekte handelte, wollte Sophia auch versuchen, diesen unterschiedliche Effekte beim Entfalten zu verleihen, was sie durch variierende Einstellungen der Parameter für Schwerkraft, Spannkraft und Reibung erreichte. Objekte die sich partout nicht nach Sophias Wünschen entfalteten, wurden später auf Keyframe-Niveau bearbeitet oder schlicht ein Stück unter dem Boden der animierten Szene platziert, so dass Unerwünschtes vor den Augen der Zuschauer verborgen blieb.

Um der Animation den letzten Schliff zu verleihen, verwendete Sophia schließlich noch einen Zufalls-Effektor, der ihr die Möglichkeit gab, den sterilen Animationssequenzen aus der Simulation den gewissen Touch natürlicher Unvollkommenheit zu verleihen. Im Zusammenspiel mit dem Verzögerungs-Effektor konnte Sophia dann auch steuern, wann und in welchem Maße die Unvollkommenheit in der Animation auftrat.

Die einzelnen animierten Objekte wurden schließlich in eine neue Szene importiert. Nun bestand die Herausforderung darin, die verschiedenen Animationen zu einem Clip zu komponieren. „Wie die Objekte positioniert wurden und wie alles zu arrangieren war, damit der Clip in einer starken Bildkomposition endet, war eine echte Herausforderung. Nachdem die Choreographie für den Clip im Groben feststand, begann ich damit, die Kamera zu animieren und dazu passend die Objekte erscheinen zu lassen“, erklärt Sophia.

Im nächsten Schritt hatte Sophia daran zu arbeiten, den Papier-Look der Modelle über die Gestaltung des Materials zu perfektionieren. Um den Eindruck durchscheinenden Lichts zu vermitteln, verwendete Sophia Subsurface Scattering. „Mit diesem Effekt sehen die Objekte wirklich so aus als seien sie von innen beleuchtet. Besonders bei den Lücken zwischen den Papierschichten.“

Um die Szene auszuleuchten, verwendete Sophia ein Sonnen-Objekt und ein oranges Spotlicht, das sie über die Dächer der Gebäude aufsteigen ließ und so das Gefühl eines Sonnenaufgangs erweckte. „Ich wollte damit die optimistische Frische eines neuen Tages zum Ausdruck bringen", kommentiert Sophia.

Gerendert wurde die Sequenz mit dem physikalischen Renderer von Cinema 4D, der dank Funktionen wie Linsenverzerrung, chromatischer Aberration, Vignettierung und den Optionen zum Überschreiben der Verschlussgeschwindigkeit und der Blende Sophia die nötigen Möglichkeiten an die Hand gab, ihren Look zu erzielen. „Mit diesem Renderer habe ich die Freiheiten, die ich von früher aus der Studiofotografie gewohnt bin.“

Sophia ist außerdem ein großer Fan der Global Illumination: „Die Interaktion einzelner Objekte durch reflektiertes und dadurch gefärbtes Licht kann ich mit der GI fast wie im richtigen Studio abbilden. Ohne die GI würde es der Szene an der nötigen Dynamik fehlen“, erklärt sie. „Natürlich hat der Einsatz der GI ihren Preis, der in Renderzeit zu zahlen is. Der optische Gewinn für die Szene ist jedoch dramatisch: Dank ihr erweckt die Szene nur wirklich den Eindruck einer miniaturisierten Papierstadt, die gerade wieder zu neuem Leben erwacht.“

Selbstredend, dass sich bei einem solchen Projekt auch Probleme einstellen, wie z.B. unerwünschte Rauscheffekte in Schattenbereichen. Allerdings konnte Sophia mit dem Erhöhen der stochastischen Sample-Rate und Änderungen in der Aufnahmedichte auch hier Abhilfe schaffen, ohne die Renderzeiten übermäßig aufzublähen.

In einem letzten Schritt vor der Fertigstellung der Animation wurde das gerenderte Material in Adobes After Effects importiert um finale Farbkorrekturen vorzunehmen. „Mein Ziel war es, den Zuschauer von einem eiskalten frühen Morgen abzuholen und ihn im Verlauf der Animation zu einem warmen Sonnenaufgang zu führen. Dazu wurde der Himmel mit einem kalten, klaren Verlauf von Blautönen farblich korrigiert, während die Gebäude eine ähnliche Behandlung nur mit einem Verlauf von orangen Farbtönen erhielten. So dominieren zu Anfang der Szene die kalten Blautöne und werden am Ende durch das warme Orange abgelöst.“

Das so korrigierte Material musste dann nur noch in verschiedenen Versionen bzw. Auflösungen für die unterschiedlichen Anwendungen gebracht werden. Hier war insbesondere die Version des Clips im Super-Wide-Format eine Herausforderung, denn sie sollte im Studio geteilt auf drei separaten Riesendisplays ablaufen. Diese Fassung wurde letztlich anamorphisch in 1920x1080 neu gerendert. Um dem speziellen Seitenverhältnis Rechnung zu tragen, mussten auch die Positionierung der Kamera und die Platzierung einzelner Objekte modifiziert werden. Die so gerenderten Resultate erhielten dieselbe After-Effects-Behandlung wie die anderen Varianten.

Die Arbeiten für die insgesamt zwölf Sekunden dauernde Animation wurde in vier Wochen mit Cinema 4D und einem Zwölfkern Mac Pro durchgeführt. Im Mai 2014 wurde ‚Paper Town‘ in der Kategorie 'Art Direction & Design: News Program Bumper' in die finale Auswahl für den prestigeträchtigen PromaxBDA Award aufgenommen. Eine vollständige Liste der Finalisten finden Sie hier.

PromaxBDA ist eine internationaler Verband von Profis aus den Bereichen Marketing und Entertainment. Der Verband zählt weltweit mehr als 10 000 Mitglieder (Firmen und Einzelpersonen). Zudem wird PromaxBDA auch als eine führende stilbildende und richtungsweisende Kraft in der globalen Medienbranche angesehen.

Zur Webseite von PromaxBDA:
www.promaxbda.org


Author

Steve JarrattCG Enthusiast/Techn. Journalist – Vereinigtes Königreich