Wolle – eine fantastische Reise

Das Londoner Studio Neon spinnt aus Realfilm und Computergrafik feines Garn für Woolmark.



Von Steve Jarratt

Das weltberühmte Woolmark-Logo ziert Qualitätsprodukte aus Wolle und stellt sicher, dass bei der Herstellung zu 100% neue Wolle verwendet wird. Die Firma beauftragte im Rahmen ihrer permanenten Marketingkampagne das kleine Londoner Studio Neon mit der Produktion eines Kurzfilms, der die verschiedenen Arbeitsschritte der Wollproduktion beschreibt – vom Schaf bis zum fertigen Anzug.

Das Briefing für ‚Lost and Found' war einfach, aber herausfordernd“, sagt Tom Bridges, der Geschäftsführer von Neon. „Woolmark wollte, dass wir den Ablauf der Wollproduktion auf unterhaltsame Weise beschreiben. Wie wir das machen, war uns komplett freigestellt. Nach einigem Überlegen kamen wir auf die Idee, den Produktionsprozess aus der Sicht eines Stücks Wolle zu erzählen. Wir haben den Pitch im Januar gewonnen und dann einige Monate an der Ausarbeitung des Scripts gearbeitet. Woolmark ließ uns bei der Entwicklung des Looks komplett freie Hand.

Am Anfang der Produktion standen ausgiebige Recherche und das Zusammentragen von Referenzmaterial. „Das Storyboard und die Drehbuchentwicklung haben alles in allem etwa zwei Monate gedauert“, kommentiert Tom. „Wir hatten schon relativ früh eine klare Vorstellung davon, wie der Film aussehen soll: Wir wollten fotorealistische Bilder, die aber optisch und physikalisch unmöglich sein sollten. Unser Film ‚Macro’ war Ausgangspunkt für viele Sachen die wir ausprobieren wollten.

Der Kurzfilm Macro, ausgezeichnet mit dem Prädikat „Vimeo Staff Pick“, ist ein Testprojekt des Neon-Teams aus dem letzten Winter und zeigt einen Skateboarder aus verschiedenen, eigentlich unmöglichen Kameraperspektiven mit vielen Einstellungen in Super-Zeitlupe und extremen Schärfeverlagerungen. Die Herausforderung bei diesem Projekt war die nahtlose Mischung von Realfilm und fotorealistischer Computergrafik. Neon entwickelte mit den Erfahrungen aus diesem Projekt ein Verfahren, solche Shots mit einem kleinen Team – anstatt der üblicherweise notwendigen Armee an Artists – zu realisieren. Das Macro-Projekt bildet das Fundament für den Woolmark-Spot, dementsprechend tragen beide Filme die gleiche gestalterische DNA.

Das Making-Of zum Macro-Projekt finden Sie hier.

Lost and Found“ beginnt mit der Realaufnahme eines Schafs, das gerade geschoren wird. Ein Büschel Wolle fliegt davon und beginnt seine Reise. Die Wollfasern wurden in Maya mit nHair erzeugt und durch eine Mischung aus Simulation und Keyframing animiert.

Während die Fasern durch den Produktionsprozess schweben, werden sie durch eine Mühle geweht, wo sie sich in der Thermik einer Tasse heißen Kaffees nach oben bewegen. Diese Einstellung beinhaltet eine computergenerierte Tasse vor einem real gedrehten Hintergrund und ist typisch für den Film. „Wir haben möglichst viele real gedrehte Elemente genutzt“, erklärt Tom  „Alle Einstellungen wurden getrackt und wir haben sehr viel mit Projection-Mapping gearbeitet.

Die Filmsequenzen wurden in Biella in Norditalien, Australien und Huddersfield in England gedreht. „Um das ganze Material aufeinander und auf die am Computer hergestellten Teile abzustimmen, war sehr viel Feinarbeit nötig.

Um den passenden Look für die Einstellungen hinzubekommen, verließ sich die Crew auf an den Drehorten aufgenommene HDRIs, im Zusammenspiel mit nativen Lichtquellen aus Cinema 4D. „Die Tiefenschärfe wurde mit der Kamera erzeugt“, ergänzt Tom. „Bei der Erzeugung des Looks auf den wir aus waren, hat sich der physikalische Renderer in Cinema 4D sehr gut bewährt.

Obwohl die meisten Szenen des Films real gedrehte Elemente enthalten, gibt es auch einige Sequenzen die komplett im Computer entstanden sind. Eines dieser Elemente zeigt die Nahaufnahme der Hand eines Schneiders, der dabei ist einen Wollstoff für den Zuschnitt eines Anzugs mit Kreide zu markieren. Obwohl die Szene fotorealistisch aussieht, sind Hand, Kreide und Stoff komplett digital erstellt: „Wir haben das Mesh mittels Photogrammetrie erstellt, wozu wir jede Menge Fotos verwendet haben. Die Szene wurde mit Cinema 4D texturiert und animiert, zusätzlich kam das Partikelsystem bei der Erzeugung der herunterrieselnden Kreidestückchen zum Einsatz.

Der finale Output wurde mit dem „Deadline Render Management“-System von Thinkbox Software verwaltet, das nach Toms Aussage sehr gut mit Cinema 4D zusammenspielt. „Wir haben versucht, die Passes relativ unkompliziert  zu halten“, so Tom. „Ein allgemeiner Beauty-Pass und dazu einige technische Passes wie zum Beispiel Tiefeninformationen und Objekt-IDs.

Die gerenderten Sequenzen wurden anschließend in Nuke von The Foundry zusammengefahren, für einige Elemente haben wir auch Adobe After Effects genutzt. In der Postproduktion haben wir jede Menge Lens Flares eingesetzt und generell alles aufpoliert. Durch das Hinzufügen von Staub und atmosphärischen Dunst haben wir versucht, den CG-Elementen einen natürlicheren Look zu verpassen“, ergänzt Tom.

Der finale Spot wurde in 2K Auflösung ausgegeben und läuft 2 Minuten 43 Sekunden lang. Neon hat im April 2014 ernsthaft mit dem Projekt angefangen, abgeliefert wurde es im August. „Es haben nicht immer gleich viele Leute am Projekt mitgearbeitet“, kommentiert Tom, „die Teamgröße schwankte zwischen zwei und fünf Leuten. Wir arbeiten hauptsächlich mit iMacs und Mac Pros und haben zusätzlich eine Renderfarm mit 144 Cores im Studio.

Die Qualität des Films ist ein klarer Beweis für Neons Genialität bei der Verbindung von Realfilmsequenzen und 3D-Elementen, aber auch für den physikalischen Renderer in Cinema 4D, der sehr gut geeignet ist wunderbar fotorealistische Bilder zu erzeugen.

Toms letzter Kommentar richtet sich an alle, die ihre Arbeit mit Cinema 4D verbessern wollen: „Streicht großzügig“, rät er, „und seid rücksichtslos beim Wegwerfen von Sachen die nicht funktionieren. Es ist viel besser, einen Versuch früh als gescheitert zu betrachten als Ewigkeiten an etwas herumzupörkeln das niemals passen wird.

Steve Jarratt ist Engländer und seit vielen Jahren technischer Journalist mit großer Begeisterung für die Computergrafik.

Hier das Making-of zum Woolmark Film "Lost and Found":
www.vimeo.com/109022399

Neon's Website:
www.neon.tv

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