DJs, VJs, Fatboy Slim & Cinema 4D

Für das diesjährige Coachella Festival mischte Fatboy Slim in seinem Gig HighRes-CG-Grafik mit elektronischer Tanzmusik.

Seit Fatboy Slim alias Norman Cook mit seinen Liveauftritten Anfang der 2000er Jahre am Strand von Brighton Zeichen gesetzt hatte, wuchsen die Publikumszahlen und die Shows wurden technisch immer anspruchsvoller. In Brasilien gelang es Fatboy Slim sogar, über 350 000 Zuschauer zu mobilisieren. Die wachsenden Besucherzahlen führten dazu, dass für zukünftige Shows eine riesige Leinwand mit 600 Quadratmetern Fläche angeschafft wurde. Als Tim Fleming von Plastic Reality, schon seit 2001 Regisseur für die Shows von FatboySlim, sich mit dessen Team traf um den anstehenden Auftritt auf dem Coachella Festival 2014 in Kalifornien zu planen, waren die Ziele für die Show entsprechend hoch gesteckt.

Mit Plastic Reality und Plastic Pictures hat Tim bereits zwei gut funktionierende Firmen aufgebaut, aber die Show für das diesjährige Coachella sollte durch eine neue Firma realisiert werden. Mit The Happiness Labs hat sich Tim Fleming gänzlich der Produktion von Inhalten für ein größeres Publikum verschrieben. Ob es darum geht Musik-Events auszurichten, experimentellen Content für Bands zu schaffen oder neue Wege des interaktiven Geschichtenerzählens auszuloten: The Happiness Labs setzen auf den Einsatz der neuesten und bahnbrechendsten Technologien wie z.B. Leap Motion, Myo von Thalmic Labs und natürlich das mächtige Oculus Rift, das derzeit in aller Munde ist.

Zu dem Team, das in diesem Jahr an der Show für das Coachella arbeitete, gehörten auch Chris Cousins, Joe Plant, und Bob Jaroc. Bob war draußen mit auf Tour, während Chris und Joe daran arbeiteten, kontinuierlich neue und interessante Bilderwelten für die Show zu erzeugen. Außerdem mussten viele Live-Aufnahmen und pyrotechnische Spezialeffekte in Zeitlupe gefilmt werden. Dadurch gehörte auch Mike Sansom von der Brightfire Pyrotechnics Company mit zum Team und half dabei, Dinge in die Luft zu jagen. Wobei wir hier von tatsächlichen Sprengungen mit Schwarzpulver sprechen und nicht von der Arbeit mit Partikeln und Expressionen.

Für die Inhalte, die mit Computern erzeugt wurden, standen vier Workstations mit insgesamt 16 CPUs zur Verfügung. Im Zentrum der digitalen Produktionsabläufe standen Cinema 4D und After Effects. Die Veranstalter des Coachella hatten ein eigenes Team, das am Set die Bühne und die 96 m² große Leinwand (die nicht so groß ist wie FBS eigene) sowie den dazugehörigen Pult für den DJ aufbauten. Vom DJ-Pult aus würde auch der VJ die Videoelemente der Show abmischen, und dabei neben den vorgefertigten Videos auch Musikelemente einsetzen, die direkt live aus Fatboys DJ-Programm Serato gesendet würden. Für das Zusammenmischen der verschiedenen Quellen wiederum wurde die Software Resolume verwendet.

Wie die verschiedenen Schlüsselelemente zu Stande kamen, aus denen sich die Show letztendlich zusammensetzt, erklärt Tim folgendermaßen: „Ursprünglich wurde Fat Boy vom Coachella-Team angesprochen ob er nicht Lust hätte eine Show zu machen, die auf dem Konzept der vier Jahreszeiten basiert. Da die Show letztendlich 60 Minuten lang sein sollte, wollten sie die Darbietung in vier Teile gliedern, die dann mit einer gehörigen Portion physikalischer Effekte aufgepeppt werden sollten. Geplant war, Feuer, Schnee und Regen darzustellen und damit auch die Assoziation zu den verschiedenen Jahreszeiten zu gewährleisten. Als wir darüber nachdachten, fanden wir insbesondere die Idee mit den verschiedenen physikalischen Effekten ziemlich cool. Allerdings sahen wir die Gefahr, dass ein solches Konzept leicht zu etwas altbackenem wie einer Oper werden könnte. Also spielten wir ein wenig herum und warfen uns Ideen zu, bis wir letztendlich realisierten, dass wir die vorgegebenen Effekte wunderbar mit einer bearbeiteten Version von Fatboys ‘Eat Sleep Rave Repeat'-Track mischen könnten. Die Schlagworte ‘Eat Sleep Rave Repeat' würden zu ‘Heat, Sleet (Schneeregen), Rain, Repeat!', und böten so die Möglichkeit, die physikalischen Effekte für die Show zu übernehmen. In der Show selbst sollte Norman in der Mitte des Bildschirms dargestellt und das restliche Display in neun Bereiche unterteilt werden. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, auch noch zusätzliche Inhalte in diese Konfiguration einzubringen. Die Animation des Spielautomaten war ein solches Element."

Die Spielautomaten-Animation hatte Chris Cousins erstellt, der immer wieder hervorhob, welche große Hilfe Cinema 4Ds physikalischer Renderer und dessen ausgezeichnete Bewegungsunschärfe bei der Arbeit waren. Insbesondere, da sich mit diesem Renderer Flackereffekte einfach vermeiden ließen. Diese Effekte sind schon an sich sehr unschön, speziell aber dann, wenn man für besonders große Leinwände arbeitet, da sich das Flackern mit zunehmender Größe der Darstellung multipliziert. Auch die einfache Handhabung von MoGraph hat laut Chris Cousins die Arbeit viel leichter gemacht. Die Elemente der Szenen konnten so schnell und leicht neu konfiguriert und von neu kombinierten Elementen in kürzester Zeit Animationen erstellt werden.

Ein großer Teil der Show bedient sich einer Version von Fatboy Slims Kopf, der komplett in 3D erstellt wurde.



Um das Modell zu erstellen, wurde Norman Cooks Kopf bei der Firma Centroid in den Pinewood Studios gescannt und texturiert. Nach einigen weiteren Verbesserungen im Detail, die in After Effects vorgenommen wurden, konnte die Animation in das Boombox Video integriert werden.




Hier kamen dann auch die Effekte für die vier Jahreszeiten zum Einsatz, die während der Show abgespielt wurden. Den Anfang machen dramatische Farbkleckse, die mit Realflow realisiert wurden. Joe Plant zeichnete für die Animationen der Boombox verantwortlich. „Der Trick, die Konsistenz der Farbe in Realflow richtig hinzubekommen, bestand in der passenden Mischung der Parameter für Viskose, Dichte und Oberflächenspannung. Diese Mischung dann kombiniert mit einem passenden Setting für den Haftungs- bzw. Klebefaktor führte zu den gewünschten Effekten."




Der Effekt für den nächsten Abschnitt der Show war Feuer, das mit Phoenix FD erzeugt wurde. Nachdem die für diesen Teil der Animation benötigten Elemente der Boombox isoliert und separiert waren, konnten sie in die Simulation eingebunden werden. Um den Flammen den gewünschten Look zu geben, wurden die Parameter auf einer sehr hohe Temperatur mit einem ebenfalls sehr hoch angelegten Kühlungsfaktor eingestellt und mit einem variierenden Ausstoßfaktor kombiniert.

Etwa 60% der Videoelemente wurden über ein Skript gesteuert und über die Software Serato ausgelöst. Dieses Programm benutzt Fatboy Slim seit langem und spätestens seitdem es vor sechs Jahren die Funktion erhielt, Videos und Scripts parallel zu einem Script automatisiert starten zu können, ist es aus Normans Werkzeugkiste nicht mehr wegzudenken. Besonders hervorgehoben werden muss der Umstand, dass Serato automatisch dafür sorgt, dass miteinander verknüpfte Musiktracks und Videos synchron laufen, auch wenn der DJ die Laufgeschwindigkeit eines Tracks verkürzt oder dehnt.

Andere Effekte, wie die physikalischen Regen- und Schneeeffekte, wurden von VJ Bob Jaroc gesteuert und ausgelöst. Dazu erklärt Tim noch: „Vor der Show haben wir mit Norman eine Art Drehbuch ausgearbeitet, das die grundsätzlichen Rahmenbedingungen der Show definierte. Aber so ein Live-Ereignis darf natürlich nicht wie auf Schienen ablaufen und es muss der nötige Spielraum für Spontanität und Improvisation da sein. Norm liebt es, in seiner Performance solche Überraschungen einzubauen, da muss man immer darauf gefasst sein. In den Jahren unserer Zusammenarbeit haben wir lernen müssen, dass man bei Fatboy Slim immer mit unvorhergesehenem rechnen muss!"

Das zentrale Element der ganzen Produktionspipeline waren Cinema 4D und After Effects. Tim Fleming stellt dazu fest: „Der Umstand, dass Cinema 4D und After Effects in der Branche so weit verbreitet sind, spiegelt ganz klar die Qualität der Resultate, die sich mit ihnen selbst bei kürzesten Deadlines erzielen lassen. Die beiden Programme sind die ultimative Kombination und die zukünftig zu erwartende, immer weitergehende Integration lässt uns heute schon Großes für morgen erwarten. Unser Team liebt die Arbeit mit Cinema 4D und After Effects und ich kann allen angehenden Artists, die in dieser Branche Fuß fassen oder mit uns zusammenarbeiten wollen, nur wärmstens ans Herz legen den Umgang mit diesen beiden Programmen zu erlernen."

Duncan Evans ist freischaffender Journalist, Fotograf und Autor.

Weitergehende Informationen zum Coachella Festival finden Sie hier:
www.coachella.com

Previous slide
Next slide