Im Vorbeigehen

Der neue Film des niederländischen Trios Job, Joris & Marieke führt in etwas mehr als einer Minute kunstvoll durch über 100 Jahre Amsterdamer Geschichte 

By Meleah Maynard

Job Roggeveen, Joris Oprins und Marieke Blaauw trafen sich während ihres Produktdesignstudiums an der Designakademie Eindhoven und merkten schnell, dass es eine gute Idee wäre, ihr Animationstalent zu bündeln, um gemeinsam Geschichten zu erzählen. Seit 2007, dem Gründungsjahr ihres Studios Job, Joris & Marieke, haben sie die unterschiedlichsten Projekte miteinander realisiert, unter anderem den vielfach ausgezeichneten Kurzfilm „A Single Life“.

Der 2015 für den Oscar in der Kategorie ‚Best Animated Short‘ nominierte Kurzfilm erzählt die Geschichte von Pia, die auf ihrer Türschwelle eine geheimnisvolle Schallplatte findet. Während sie diese abspielt, kann die junge Frau in der Zeit vor- und zurückreisen.

Auch beim aktuellsten Kurzfilm des Trios „Passing By – 110+ Years of Damrak, Amsterdam“ spielt Zeit eine wichtige Rolle. Dieses Mal verläuft sie jedoch linear und lässt in etwa einer Minute Film die Geschichte Amsterdams vorbeiziehen – betrachtet durch das große Schaufenster des Amsterdamer Traditionskaufhauses De Bijenkorf. Mit Cinema 4D und Octane schufen Job, Joris & Marieke sich stetig verändernde Straßenszenen, in denen die Veränderungen des Damrak über die Jahrzehnte hinweg dargestellt werden – angefangen bei historischen Ereignissen über die Autos bis hin zur Mode.

Wir sprachen mit den Dreien über den Film, der im Rahmen von De Bijenkorfs Künstler-Residenzprogramm „Room on the Roof“ entstand:

Wie kam es zu der Chance, an diesem Künstler-Residenzprogramm teilzunehmen?

Marieke: Das Kaufhaus lädt immer wieder nationale und internationale Künstler dazu ein, für eine Zeit im Turm auf dem Dach ihres Hauptgebäudes in Amsterdam zu arbeiten. Anschließend suchen sie dann einen passenden Platz im Kaufhaus, um die entstandenen Arbeiten auszustellen. Für uns hatten sie das Schaufenster ausgesucht. Die Schaufensterdekorationen von De Bijenkorf sind legendär, und wir haben uns ein Konzept ausgedacht, das perfekt zu diesem Platz passt: Eine Animation, die den Betrachter auf eine Achterbahnfahrt durch die Zeit mitnimmt. Wir haben uns die Frage gestellt, wie sich wohl der Blick aus dem Schaufenster heraus über die Zeit gewandelt hat, wie sich die Straße und die Passanten veränderten und welche historischen Ereignisse man von dort aus hätte beobachten können.

Wie habt ihr festgelegt, welche Dinge ihr bei dieser Fahrt durch über 100 Jahre darstellen möchtet?

Joris: Wir sind absolute Nostalgiker und lieben es, alte Bilder anzuschauen. Wir sind alle um die 38, können uns ganz gut an die 1980er und 90er Jahre erinnern, als wir jung waren. Gabber, eine schnelle niederländische Variante der Techno-Musik, wollten wir unbedingt im Film zelebrieren. Außerdem haben wir Dinge eingefügt, an die wir uns gern zurückerinnern, wie zum Beispiel die Telefonzelle, der gute Ruf der niederländischen Fußball-Nationalmannschaft und die australischen Trainingsanzüge, die die Gabber-Fans immer getragen haben.  

Wir hatten entschieden, jedes Jahrzehnt seit der Eröffnung von De Bijenkorf im Jahr 1914 zu zeigen, also haben wir recherchiert, welche historischen Begebenheiten sich in diesem Zeitraum ereignet haben. Wir haben uns einige ausgesucht, die wir darstellen wollten, und dann eine Liste mit Requisiten und modischen Accessoires für jede Dekade erstellt. Wir haben auch nachgeforscht, wie sich die Straße selbst im Lauf der Zeit verändert hat. Wie haben sich die Straßenlampen verändert? Was ist mit den Häusern gegenüber passiert? Ab wann waren Autos auf der Straße erlaubt und wie hat die Straßenbahn ausgesehen? Wir haben versucht, die Geschichte der Straße zu erzählen, aber auch die der Niederlande insgesamt. Jedes Jahrzehnt hatte sein eigenes Lebensgefühl: Die Vierziger waren duster, die Fünfziger und Siebziger pulsierend, die Achtziger waren grimmig und die Neunziger auch wieder etwas düster.

Wie habt ihr die vielen Requisiten und Personen modelliert?

Job: Bei so vielen Figuren und Requisiten in den Szenen mussten wir mit so wenigen Polygonen und Details wie möglich auskommen. Wir mussten schnell arbeiten und gleichzeitig sicherstellen, dass Cinema 4D und Octane mit den Szenen auch zurechtkommen würden. Wenn wir Figuren und Requisiten für unsere Filme konzipieren, tragen wir zunächst möglichst viel Referenzmaterial zusammen. Anschließend bearbeiten wir sie so lange, bis sie zu unserem Stil passen. Bei diesem Film waren die Texturen sehr wichtig, speziell die der Figuren, weil bei der Darstellung der verschiedenen Epochen die Mode eine entscheidende Rolle spielte. 

Wie sind die Musik und das wundervolle Sound-Design für den Film entstanden? 

Job: Ich bin der Komponist und Sound-Designer in unserem Studio. Jede Epoche hat ihren eigenen Sound, die Dreißiger sind zum Beispiel eher ruhig, weil man keine Autos hört – noch nicht. Um 2000 ist es dann ziemlich chaotisch mit jeder Menge Autos, Motorrollern und Fahrrädern. Die passenden Sounds zu finden, um die richtige Atmosphäre für die jeweilige Szene zu schaffen, war eine schöne Herausforderung. 

Meleah Maynard ist freie Journalistin und Autorin, sie lebt in Minneapolis, Minnesota.

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