Women in Motion – eine Branche im Umbruch?

MAXONs Podiumsdiskussion „Women in Motion Graphics“ beschäftigt sich mit der ungleichen Geschlechterverteilung in der Branche.

Von Meleah Maynard

Warum gibt es mehr Motion-Designer als Motion-Designerinnen? Welchen Herausforderungen stehen weibliche Artists gegenüber? Und was kann die Branche tun, um das Ungleichgewicht zu verringern? Das sind nur einige Fragen, über die fünf weibliche Artists bei der MAXON-Podiumsdiskussion zum Thema „Women in Motion Graphics“ während der NAB 2018 diskutierten.

An dem Panel – moderiert von der preisgekrönten Kreativdirektorin und Designerin Tuesday McGowan – beteiligten sich bekannte Motion-Designerinnen wie Robyn Haddow, Penelope Nederlander, Julia Siemón, Caitlin Cadieux und Sarah Wickliffe. In einer breitgefächerten Diskussion berichteten die Frauen sehr offen von ihren persönlichen Erfahrungen und teilten ihre Ansichten darüber, wie die Motion-Graphics-Industrie sich hin zu mehr Gleichberechtigung verändern kann und sollte.

Hier eine Zusammenstellung der Highlights dieser Diskussion und zusätzlich einige Statements, die wir nach Ende des Panels von den Frauen bekommen haben. (Besuchen Sie unsere „Women in MoGraph“-Website, wenn Sie mehr über die Diskussionsteilnehmerinnen erfahren und eine Aufzeichnung der Podiumsdiskussion anschauen möchten.)

Frauen werden in der Branche zwar oft als Produzentinnen engagiert, deutlich seltener aber für die zentralen technisch-künstlerischen Aufgaben. Liegt das daran, dass Organisationstalent für eine spezifisch weibliche Eigenschaft gehalten wird? Oder ist der Status Quo lediglich Ausdruck eines viel größeren Problems, nämlich unserer sexistischen Gesellschaft?

Penelope Nederlander: 3D ist ein sehr technischer Bereich, und im Allgemeinen ordnet man technische Berufe Frauen nicht zu, was schlecht ist. Viele männliche 3D-Artists sind in einer technologieaffinen, nerdigen Kultur aufgewachsen. Wenn ich mich an meine Kindheit in den Achtzigern zurückerinnere, waren es immer die Jungs, die Computerspiele gezockt haben und in diese Richtung gedrängt wurden. Da war genug gesellschaftlicher Druck, um viele Mädels, die ich kannte, davon abzuhalten, sich für die digitale Welt zu interessieren.

Werden kommende Generationen von Frauen mehr Einfluss im Bereich Motion Graphics haben?

Julia Siemón: Absolut. Es wird besser. Ich unterrichte an einer Schule für visuelle Kunst, dort fangen mittlerweile immer mehr Frauen an. Sie sind in einigen technischen Bereichen exzellent, beispielsweise in der 3D-Animation, in Cinema 4D – und sie blicken oftmals schneller durch als meine männlichen Schüler. Die Dinge bewegen sich also in die richtige Richtung.

Caitlin Cadieux: Ich habe festgestellt, dass die Geschlechterverteilung in den Schulen mittlerweile meist 50/50 ist. Das ist fantastisch, aber ich glaube, unser Hauptproblem ist, dass die Branche selbst sich noch immer nicht daran gewöhnt hat. Im Anschluss an die Schulzeit ist es für Mädels also nach wie vor schwer, dort reinzukommen und beruflich Fuß zu fassen.

Was würdet ihr Frauen raten, die in die Motion-Graphics-Welt einsteigen wollen?

Robyn Haddow: Ich glaube sehr fest an die Kraft, die darin liegt, sich deutlich und vernehmlich der Welt zu präsentieren – zu zeigen, dass man da ist. Festzustellen: ‚Hey, da sind noch andere Frauen in einflussreichen Positionen‘ und zu erkennen, dass das ein gangbarer Weg ist, um selbst Karriere zu machen. Wenn andere Frauen das Gleiche tun, inspiriert und motiviert das. Man fragt sich: „Wie kann ich so sein? Wie kann ich das auch erreichen?“

Sarah Wickliffe: Es ist auch wichtig für uns, im Hinterkopf zu behalten, dass man sich durchsetzen muss. Es bringt nichts, still hinten sitzen zu bleiben und keine Fragen zu stellen. Habt keine Angst, für euch selbst einzutreten. Ich habe eine Kollegin, die gerade am Anfang ihrer Karriere steht und beunruhigt ist, weil sie nicht weiß, wie sie an ihren nächsten Job kommt. Ich rate ihr, im Studio herumzugehen, sich mit Leuten zu unterhalten und zu fragen: „Hey, weißt du, was hier als Nächstes ansteht?“ Lass sie wissen, dass du Arbeit suchst. Hab keine Angst, Leute zu fragen, die über dir stehen – du brauchst jemanden, der für dich spricht, und die Leute helfen gern.

Penelope Nederlander: Meine Perspektive ist etwas anders, weil ich eine transsexuelle Frau bin, die als Mann in die Branche kam. Ich war vor meinem Geschlechtswechsel schon beruflich etabliert. Dann plötzlich als Frau im Motion-Graphics-Business zu sein, war für mich eine völlig neue Erfahrung. Ich sehe, wie junge Männer in die Branche kommen: Sie sind laut und selbstbewusst, und ich war früher vermutlich genauso. Jetzt nehme ich tausendmal deutlicher wahr, wie viel und auf welche Art Männer über mich reden. Wenn ich technische Schwierigkeiten habe, werde ich gefragt, ob „einer von den Jungs“ kommen soll, um mir zu helfen. Wenn ich mich darüber aufrege, dass etwas nicht funktioniert, werde ich mit Tutorials zugemüllt, und dann sage ich: „Die brauche ich nicht – ich rege mich auf, weil die Software spinnt, nicht, weil ich nicht weiß, was ich tue!“
Du erlebst das wieder und wieder; es ist echt schwer, dann nicht an dir selbst zu zweifeln. Aber du musst dich durch deine Selbstzweifel durchbeißen – und auch durch die Zweifel, die dir von außen auferlegt werden.

 


Das Geschäft erfordert oft Überstunden und Arbeit am Wochenende. Haben Lebensentscheidungen, wie der Wunsch nach Kindern, mehr Auswirkungen auf weibliche Motion-Designer als auf männliche?

Robyn Haddow: Ich habe ein zweieinhalbjähriges Kind zu Hause, und auch wenn die Biologie eine Rolle spielt, weil die Frau das Kind austragen muss, bin ich in einer privilegierten Situation, denn ich lebe in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Als die Zeit kam, waren wir beide Freelancer, und meine Frau hat sich entschlossen, ihre Freiberuflichkeit aufzugeben und eine Stelle bei einer großen Firma anzunehmen, um die Sicherheit für unser Leben als Familie und das Großziehen eines Kindes zu gewährleisten. Rückblickend bin ich ihr dafür sehr dankbar, denn ich wollte unbedingt Kinder. Ich arbeite für Film und Fernsehen und dort herrscht eine Art „Club für große Jungs“-Mentalität. Wie wir damit umgehen? Ich denke, Dialog ist die Antwort, und der fängt gerade an.

Sarah Wickliffe: Eine Möglichkeit, wie unsere Branche bessere Bedingungen für Frauen im gebärfähigen Alter mit dem Wunsch nach Familie schaffen könnte, ist mehr Offenheit für Heimarbeit, flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle. Ich arbeite für TV-Sender, dort ist alles stark auf die Arbeit vor Ort ausgelegt und die Tage sind sehr, sehr lang. Ich frage mich ernsthaft, wie ich eine Familie gründen soll – was ich gern möchte – und weiterhin in der Branche arbeiten kann, in die ich so viele Jahre an Erfahrung investiert habe. Dabei wäre das bei Motion Graphics absolut drin: Onlinekommunikation, High-Speed-Internet und digitaler Datentransfer machen es möglich. Die Situation wird sich hoffentlich verbessern, sobald mehr Frauen in leitende Positionen kommen.

Lasst uns über Honorarverhandlungen reden. Julia, du hast eine eigene Firma, richtig?

Julia Siemón: Ja, ich leite eine eigene Firma, und was Verhandlungen angeht, hat es eine Weile gedauert, bis ich es okay fand, meine Gage zu nennen und nicht einzuknicken. Wenn ich mich heute um ein Projekt bewerbe, sage ich einfach, wie hoch mein Tagessatz ist, wie viel die Überstunden kosten und dass ich nicht jede Nacht bis in die Puppen arbeiten werde, um den Job fertig zu bekommen. Es ist sehr wichtig, Beziehungen aufzubauen, weil Vertrauen entstehen muss. Die Firma, mit der ich arbeite, muss mir vertrauen, meine Auftraggeber müssen sicher sein können, dass ich die Arbeit mache und dass ich sie gut mache. Das ist der Grund, warum sie mir den Job geben und mir eine höhere Gage zahlen. Ich erkläre meinen Schülern schon im Unterricht, dass es unangenehm werden kann, wenn es um die Finanzen geht.  Du musst dir zudem ein Netzwerk aufbauen, das ist unerlässlich.

Möchtest du im Rückblick auf die Podiumsdiskussion weitere Gedanken teilen, wie deiner Meinung nach das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Motion-Graphics-Industrie überwunden werden kann?

Caitlin Cadieux: Nach dem Panel auf der NAB habe ich mit verschiedenen Leuten im Ausstellungsbereich der Konferenz diskutiert, und ich würde wirklich gern Wege finden, um auch Männer konstruktiv in diese Konversation einzubinden. Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass es einerseits reine Frauen-Panels und Diskussionsgruppen zu diesem Thema gibt. Andererseits hatte ich aber auch mit Männern sehr erhellende Gespräche zu diesem Thema und halte es für wichtig, die Diskussion auch in diese Richtung offen zu halten.

Haben das Zusammentreffen mit den Panel-Teilnehmerinnen und die Möglichkeit, mit anderen Frauen aus der Branche zu sprechen, einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Denkst du zum Beispiel darüber nach, wie man Frauen in der Industrie dazu bewegen könnte, sich mehr zu engagieren? 

Sarah Wickliffe:
Absolut! Das ganze Erlebnis hat mir eine Menge Mut für die Zukunft gemacht.  Nicht lange nach der Podiumsdiskussion hatte ich Kontakt mit einer alten Kollegin, die mittlerweile eine erfolgreiche Motion-Designerin ist. Sie rief mich an, um zu fragen, ob ich jemanden wüsste, der sie im Mutterschutz vertreten könne. Von einer Frau zu wissen, die während der Schwangerschaft erfolgreich als Motion-Designerin arbeitet, war großartig! Zumal (noch) keine der Teilnehmerinnen an der Podiumsdiskussion Erfahrung damit hatte, ein Kind auszutragen, ohne auf die eigene Karriere als Motion-Designer zu verzichten. Aber: Frauen im Motion Design existieren – in allen Lebensstadien. Und je mehr Institutionen uns den Weg frei machen, desto besser.

Robyn Haddow: Die Diskussionsteilnehmerinnen zu treffen, mit anderen Frauen aus unserem Business sprechen zu können und ihre Geschichten zu hören, war eine freundliche Erinnerung daran, dass wir eine Gemeinschaft darstellen: Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen und zum Erfolg verhelfen. Allein diese Diskussion zu führen, erkennt die noch vorhandene Kluft an, setzt weibliche Artists in einen positiven Kontext und streicht die Wichtigkeit von Frauen im Motion-Design heraus. Ich fühle mich sehr geehrt, eingeladen gewesen zu sein. Als ich nach Hause kam, dachte ich: Wow, es wäre echt großartig, irgendwo zu arbeiten, wo mehr Frauen tätig sind!

Meleah Maynard ist freie Autorin und Redakteurin, sie lebt in Minneapolis, Minnesota.

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